Architekturbüro Wiede Grünplanung
Japanische Gartenkunst

Themen:
Der japanische Garten heute
Geschichte und Philosophie des japanischen Gartens
Die Leere im japanischen Garten des Zen
Ryoan-ji und sein Tempelgarten im kare sansui Stil einer Trockenlandschaft

 
 
Ryoan-ji und sein Tempelgarten im kare sansui Stil einer Trockenlandschaft
 
Von allen historischen Gärten Japans wird nie so viel spekuliert, wie über den enigmatischen Meditationsgarten von Ryoan-ji von etwa 300 m2 Grösse. Das Geviert aus Sand mit 15 Felssetzungen steht heute als nationales Denkmal unter Schutz.
Ryoan-ji, Tempel des friedlichen Drachens, liegt im Hügelland nördlich von Kyoto etwas erhöht in einem alten Teichgartengelände. Es wurde im 11. oder 12. Jahrhundert auf Betreiben der Fujiwara Fürsten angelegt. 1450 erwirbt es Hosokawa Katsumoto (1430-73), Militärführer und Vize des Shoguns Yoshimasa (1436-1490) aus dem Besitz der Familie Tokudaiji. Hosokawa konvertiert zur Sekte des Zen-Buddhismus und veranlasst im oberen Geländeteil den Bau des Ryoan-ji Tempels nebst Nebengebäude. Heute besteht die Gesamtanlage aus dem Komplex des Daiju-in Klosters im unteren Teil mit dem Oshidori Teich als Wandelgarten und der Anlage von Ryoan-ji mit dem Garten zur meditativen Betrachtung.
 
Baugeschichte: Unruhen um den Machtverfall der Ashikaga Familie liessen Kyoto, wie auch den Ryoan-ji Tempel in Schutt und Asche versinken. Hosokawas Sohn Masamoto bewirkt den Wiederaufbau des Tempels. Die Errichtung des Hojo-Baus für den Hauptpriester wird auf das Jahr 1488 datiert. Die Gestaltung des daran anschliessnden Trockengartens wird in den Jahren kurz danach vermutet. Wem dies zugeschrieben werden kann ist spekulativ. Naheliegend ist die künstlerische Mitwirkung des Zen Mönchs Soami (gest. 1525), da er dem Shogun und Kunstförderer Yoshimasa als Berater gedient hatte. Wie die Abbildung zeigt, begrenzt das Priestergebäude den Garten nach Norden. Sicher ist, dass bereits früh die südliche und westliche Abschlussmauer bestand. Vermutet wird ein späterer Bau des östlichen Abschlusses durch Nebengebäude nach den Brandschäden von 1797. Nicht auszuschliessen ist, dass der Garten mit seinen Mauern und umschliessenden Korridoren im Laufe der Jahrhunderte gewisse Veränderungen und Erneuerungen erfahren hat und womöglich betreten werden durfte.
 
Bedeutung: Es liegt nahe, den Weg für eine Bewertung und Analyse des Gartens über das Verständnis der Philosophie und Meditationstechnik des Zen zu verfolgen, und deren chinesisch-taoistische Wurzeln ein zu beziehen. Jenseits von bildhafter Symbolik und allegorischen Aussagen die den Felssetzungen zugrunde liegen mögen - erwähnt sei hier das altchinesische Vorbild des bonseki,- einer Minituarisierung von Felssetzungen in einer Tischschale - ist der Garten eine Chiffre des Natur-Ganzen, das keine bildlichen Aussagen vermitteln will. Dieses Natur-Ganze will über die Leere des Gartens und seine zugeordneten 15 Steine, die in einem offenendigen Spannungszustand zueinander stehen, meditativ erschlossen werden. Wie transportiert sich dies dem Betrachter?
Es ist augenfällig, dass sich die Steinsetzungen grob halbkreisförmig auf einen Bereich der Veranda zu orientieren, wo der Priester-Mönch sich zur meditativen Betrachtung nieder liess. Dieser bildhafte Bezug ist Ergebnis, nicht Begründung oder Ursache der Steinsetzung. Er wurde kürzlich in einer Arbeit von G. J. van Tonder / M. J .Lyons (Kyoto, Sept. 2002) als Muster einer "medial axis transformation" identifiziert.
Wir wissen nicht, ob die Steinsetzungen bewusst geplant oder über eine intuitive Herangehensweise realisiert worden sind. In ihrer raffinierten Proportionalität, die Dynamik und Erstarrung gleichzeitig vermittelt, teilen sie sich in ihrem raumzeitlichen Bezug dem Unterbewusstsein mit.
Jede geometrische, numerische oder symbolische Erklärung dieses Gartens greift immer zu kurz, da er nur in seiner Komplexität erfassbar ist. Die Analyse zeigt jedoch, dass er Ergebnis eines verinnerlichten intuitivplanerischen Prozesses ist. Es sei hier nicht auf die sorgfältig aufgebaute choreografische Inszenierung der einzelnen Steine eingegangen, die sich von links (ost) nach rechts (west) aufbaut und energetisch in einer Gegenbewegung der kleineren westlichen Dreiergruppe endet. Ich beschränke mich hier auf die verschlüsselten geometrischen und numerischen Gegebenheiten. 15 Steine sind von links nach rechts in Gruppen von 1 bis 5 aufgeteilt.
 
Gruppe 1 (G1) mit 5 Steinen und
G2 mit 2 Steinen, sind zusammen 7 Steine
G3 mit 3 Steinen und
G4 mit 2 Steinen sind zusammen 5 Steine
G5 mit 3 Steinen, total 3 Steine
 
Die räumliche Struktur des Gartens mit seinen leeren Flächen bezieht sich auf die 7-5-3 Proportionen des shichigosan eine archaische Zahlenfolge altchinesischer Herkunft, die an anderer Stelle als Achse des Magischen Quadrates näher besprochen ist. Dreiecke mit den Seiten von 7-5-3 Proportionen werden durch die Steingruppen G1-G2-G5 sowie durch G5-G4-G3 gebildet.
Die proportionale Gliederung nach Massgabe des Goldenen Schnitts, also in den Phi-Proportionen j= 1,618 und 1:j= 0,618 bringen Steinsetzungen in engen Bezug zueinander so wie in Bezug zu Länge, Breite und Mittellinie der Sandfläche:
Der Hauptstein von Gruppe 1 (H1) markiert die Hälfte der Gartenbreite.
H2 markiert die Gartenlänge in Phi-Proportion zur Gartenbreite.
H3 markiert die Gartenbreite als Phi-Proportion, reziprok zum Anfangsstein von G1.
H4 und H5 stehen in Phi-Proportion zur Mittellinie, wie auch die Abstände von H5 und H2.
Der Abstand von H1 zu H2 verhält sich in Phi-Proportion zu Abstand von H3 zu H4, ähnlich wie die Abstände zwischen H3 zu H4 und H3 zu H5.
H4 und H5 stehen in ihren Abständen zum westlichen Gartenrand im Verhältnis der Phi-Proportionen. Unser intuitives Empfinden für die richtige Proportion setzt ungleiche Teile ins richtige Verhältnis zueinander. Nachprüfbar an antiken Bauten, als Goldener Schnitt in der frühen Malerei und bekannt von Le Corbusiers "Modulator" in der Architektur so wie in Fibonaccis Zahlenreihen, ist die Zahl Phi jener archetypische Teilungsfaktor, der in seinen kreativen dynamischen Funktionen Grundwert aller Wachstumsschritte in der Natur ist. "Erfunden" musste diese Zahl erst, nachdem der Mensch sich ihrer gewahr wurde. Sie sind erwiesener Massen als Konstruktionszahl der Cheops Pyramide eingebunden. In vereinfachter Form der 2/5- 3/5 Teilung findet sich dieses Proportionsverhältnis in den geomantischen yin-yang Zuordnungen bestimmter Landschaftstypen ältester chinesischer Zeit.
Der Ryoan-ji Tempelgarten ist in seiner archetypischen Proportionalität zeichenhafter Ausdruck einer kosmogonischen Weltsicht und für die naturhaft-phänomenale Realität des Zen Erleuchtungsziels.
 
Der folgende Plan mit Darstellung der shichigosan Strukturen basiert auf Aufnahmen von 1938, die Mirei Shi-gemori (1896-1975) erstellt hat.
Magisches Quadrat

 
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Jochen Wiede Landschaftsarchitekt
Gartenbau
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