Architekturbüro Wiede Grünplanung
Japanische Gartenkunst

Themen:
Der japanische Garten heute
Geschichte und Philosophie des japanischen Gartens
Die Leere im japanischen Garten des Zen
Ryoan-ji und sein Tempelgarten im kare sansui Stil einer Trockenlandschaft

 
Gedanken zur Geschichte und Philosophie des japanischen Gartens
 
Berg-Wasser, Yin und Yang
Bestimmend für den Anfang des chinesischen Gartens, aus dessen Quellen sich der japanische nährte, sind die kosmologischen Prinzipien von yin und yang, welche dem Taoismus vor mehr als 2000 Jahren zugeschrieben werden. Sie sind Ausdruck von Gleichgewicht, Harmonie und Entsprechung von zwei Seiten der gleichen Tatsache. So entspricht Ruhe der Bewegung, Weichheit Härte, Schatten Licht, weibliche der männlichen Wesenheit. Kaiser Ming, der von 222 bis 240 in China regierte, sah seine Parkanlagen erst dann als vollendet an, nachdem deren viele Fels- und Bergformen mit Wasser schliesslich den notwendigen Ausgleich durch ergänzenden Teichbauten erhielten. In der Einheit von üBerg-Wasserü spiegelt sich metaphorisch die Totalität von Natur in perfekter Harmonie. Berg besitzt Eigenschaften wie dominierend, fest, aufstrebend und entspricht der männlichen Sphäre yang. Wasser repräsentiert die weibliche Sphäre yin in den Eigenschaften wie Absorbierung, Wandelbarkeit, Nachgiebigkeit. Yin und yang sind nicht dualistisch widerstrebend nach westlicher Denkart, sondern sind ständig auf gegenseitigen Ausgleich bedacht, so dass sich ständig Anteile des einen auch im anderen vorfinden. Im schnell fliessenden bewegten Wasser etwa in einem Wasserfall oder einer im Sonnenlicht spiegelnden Wasseroberfläche erkennen wir seinen yang Aspekt. Der Berg hingegen offenbart seinen yin Charakter an seiner feuchten, sonnenabgewandten Seite. Der chinesische Garten oszilliert für den Betrachter oder Besucher ständig zwischen diesen beiden Polen des Yin und Yang, zwischen lieblich und gewaltig sowie zwischen den elementaren Mustern der fünf evolutiven Energien mit ihren Form- und Farbcharakteristiken.
Der Begriff Berg-Wasser als Ausdruck der bipolaren Natur von Landschaft wird in seiner chinesischen Bezeichnung shan shui Terminus technicus für die Landschaftsmalerei in der Tusche-Lavis Technik während der Sung Dynastie (960-1279).
 
Im Unterschied zur klassischen chinesischen Gartenkultur, die einem eher kosmologisch-mythologischen Diktum gefolgt war, entwickelt sich in Japan frühestens gegen ende der Nara-Periode (645-794) eine freiere Form künstlerischer Umsetzung von Natur im Garten. Die weitläufigen Erbauungsgärten mit grossen Teichanlagen, Vergnügungsstätten der herrschenden Klasse, wurden von den Teichgärten der Jodo-Sekte abgelöst. Paradiesische Szenerien dieser Landschaftsgärten gaben den Anhängern dieser buddhistischen Lehre des Reinen Landes eine Vorahnung des üWestlichen Paradiesesü. Architekturstil und Verbindung von Bauten und Garten dieser Erbauungs- und Paradieslandschaften sind noch stark geprägt von geomantisch-kosmologischen Vorstellungen aus dem China der Tang-Dynastie (680-960) mit jener hufeisenförmigen Orientierung des shinden- Baustils. Eine schrittweise Veränderung erfolgte mit den neuen Impulsen des Ch'an (=Zen-) Buddhismus, der über viele Klostergründungen in bergigeren Gebieten um Kyoto zu angepassteren Bauformen des shoin-Baustils führte. In einem veränderten sozio-politischen Umfeld, das zur Stärkung der Zen-Schulen führte, tritt die Nutzung des Gartens zurück zugunsten seiner räumlichen Konzentration für die ästhetische und meditative Betrachtung von symbolisch repräsentativer Natur.
Im Stil der Shoin-Architektur wird der Garten selten in seiner Totalität wahrgenommen. Inszenierte Blickbegrenzungen und Bildflächengliederung in den Nah- und Fern-Aspekt (geborgte Landschaft), dienen der Choreografie von Bildrezipationen. Die Kultur des Zen hat wesentlich zu diesem Trend beigetragen, sodass der Shoinstil über die Gartenkultur um die Teezeremonie cha-no-yu' in der späten Muromachi-Periode (1338-1573) schliesslich die Gestaltung kleiner Innenhöfe städtischer Kaufmannshäuser befruchtete, die sich am Ende einer über 300 Jahre währenden Zeitspanne kriegerischer Auseinandersetzungen während er Edo-Periode (1603-1868) auszubreiten begannen.
 
Zen vereinigt taoistische Kosmologie mit konfuzianischer Disziplin und Ethik und buddhistischer Bilderwelt ohne den altjapanischen Panthismus einer mit Gottheiten belebten Natur der Felsen und Wasserfälle abgelegt zu haben. Es ist naheliegend, dass der Berg-Wasser Begriff in seiner japanisierten Form san sui schon in der Kamakura-Periode (1185-1373) als Ganzheitssymbol für Natur im Denken der Zen-Schulen festgeschrieben wurde.
 
 
Leere-Zahl-Proportion
Als Abstraktion für die Einheit von Zeit und Raum findet der Berg-Wasser Begriff kare sansui, der für Trocken-Landschaftsgarten steht, gestaltformenden Ausdruck.
Helle Sandflächen und trockene Felsaufbauten ersetzen das Element Wasser in einer figurativen Wasserfläche oder einem Wasserfall. Der Typus üBergü erhält vielschichtigere Bedeutungsebenen in einzelnen Felssetzungen ishigumi. Gleichzeitig erinnern diese offenen, hellen nach Süden der Abthalle vorgelagerten Sandflächen an jene altjapanische Tradition im Shintoismus, vor dem Ort kultischer Handlungen eine Reinheitszone niwa aus hellem Kies anzulegen. So sollten die Götter und Ahnen gebührend empfangen werden.
Nun hat der japanische Garten selbst viele Veränderungen erlebt und über die Nachahmung koreanischer und chinesischer Vorbilder zu eigener starker Ausdruckskraft gefunden. Beginnend mit der frühen feudal-aristokratischen Klasse der Asaka- und Narazeit (552-794) bis in die Neuzeit behauptete sich der Teichgarten als Bezugselement zu den Wohn- Tempel- und Klosterbauten sowohl als Wandel- wie als Betrachtungsgarten. Mit Beginn der Heian-Periode festigte sich der Einfluss neuer buddhistischer Schulen der Tendai und Shingon, den sogenannten esoterischen Sekten. Mit den kleinteiligen unsymmetrischen Bauten ihrer Bergklöster begann ein Wandel in der Tempel- und Klosterarchitektur. Eingeführt wurden separate kleine Mönchsquartiere mit eigenem kleinen Gartenhof zur Meditation, verstreut im Gelände des Hauptklosters. Aus diesen entwickelten sich im Laufe der Zeit die vielen Untertempel innerhalb des Bezirks eines Haupttempels. Bei allen Anlagen dieser Zeit waren die Richtlinien und Gebote chinesischer Geomantie ( Feng shui) maßgebend. Tendai und Shingon symbolisierten in ihren pagodenartigen Bauten die buddhistische Kosmologie mit zwei Hauptaspekten des Universums. Unverkennbar deuten diese auf altindische und taoistische Herkunft:
 
Kongo-tai ist die Welt des unzerstörbaren Geistes, oft durch das Kreissymbol ausgedrückt. Taizo-kai ist die Welt des dynamischen materiellen Wandels, oft als Quadratsymbol symbolisiert. Hier scheint eine Übereinstimmung mit jenen enigmatischen Strich- und Trigrammsymbolen des Ho-t'u und des Lo-shu aus ältester chinesischer Zeit vorzuliegen. In der Verbindung mehrerer Bedeutungsebenen über die Trigramme des I'Ching, die Yin-Yang Polarität und die fünf evolutiven Elemente entspricht das Ho-t'u dem unveränderlichen geistigen Prinzip kosmischer Wirkungskräfte.
 
Das Lo-shu hingegen ist Ausdruck von Evolution, steten Wandels und steter Bewegung, und findet in den Zahlen der neun Häuser des Magischen Quadrats seine Entsprechung.
Magisches Quadrat
Magisches Quadrat

Es ist ein wichtiges Instrument für die Arbeit des Feng shui, womit Richtung und Energiefluss entsprechend einer Yin- oder Yang-Dominanz eruiert werden kann. Das Magische Quadrat, dessen Zahlenachsen alle die Quersumme 15 ergeben, weist in der horizontalen Mittelachse - in der Lesart von rechts nach links - die Zahlenreihe 7-5-3 auf.
-7- gilt als mythische Zahl des kreativen Kosmos; sie vereinigt die heilige Drei des Göttlichen mit der Zahl Vier des Weltlichen.
-5- ist die Zahl des Menschen und seiner fünf Sinne; sie vereinigt die Zwei des weiblichen Prinzips mit der Drei des männlichen; sie ist Prinzip der Wechselwirkung von Gleichem und Ungleichem.
-3- ist die Integrationszahl und Schlüssel des Weltganzen und dynamisches Energieprinzip von Trennung und Neuordnung; sie ist die Eins der Grossen Einheit aus der die Zwei der Polarität von Yin und Yang erwächst.
Die 7-5-3 Zahlenreihe ist im japanischen Denken fest verankert und äussert sich als Begriff des shichigosan auf viele Weisen, um der Einheit von Raum und Zeit Ausdruck zu verleihen. Der Meditations- und Tempelgarten Ryoan-ji in Kyoto ist dafür berühmtestes Beispiel in der Gartenkunst.
 
 
Teichgärten, Meditationsgärten
Das älteste schriftliche Dokument Japans über Gärten Saku-tei-ki stammt aus jener späten Heian-Periode des regierenden Clans der Fujiwara. Es beschreibt Gärten und die Kunst der Gartengestaltung aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Immer wieder wird dort auf die Bedeutung des geomantischen Wissens hingewiesen. Anzahl, Form und Ort und Ausrichtung etwa für die Felssetzungen unterliegen ganz bestimmten Regeln. Das männliche Prinzip bedarf stets der Ergänzung des weiblichen. Fels und Wasser gehen in allen Teichgärten bis in die neuere Zeit eine feste naturnahe Verbindung ein, wobei Inseln auch Synonym für den Fels-Berg Begriff sind.
Wie fest verankert die Prinzipien der Geomantie und des I-Ching im japanischen Denken waren, zeigt, dass noch in der Mejizeit (1868-1911) sich der Ältestenrat in seinen Regierungsempfehlungen auf geomantische Mittel bei der Wahrheitssuche stützte. Nach den Paradies- und Teichgärten mit ihren Inseln, Wasserfällen und Felssetzungen der Frühzeit, wandelt sich der räumlich beschränkte Meditationsgarten der Zen-Mönche in ein vergeistigtes Bild ihrer Lebenshaltung, Weltsicht und ihres religiösen Selbstverständnisses.
Ihr Höhepunkt geht mit der Muromachi-Periode 1573 zu Ende. Für den Zen-Buddhisten ist der Garten Ort der Interaktion zwischen ihm und der Natur, um in der Welt der äusseren Erscheinungen auf seiner Heilssuche hinter den Dingen sein eigenes wahres Selbst zu finden. Typologisch drückt der Sand- und Felsgarten kare sansui des Tempels Ryoan-ji diese Typologisierung am reinsten aus, denn wenig teilt sich hier aus der äusseren Erscheinung dem Betrachter mit. Im Prozess der meditativen Betrachtung verwischen sich die Grenzen zwischen dem Ego und dem Objekt, so dass jene gesuchte Verbindung mit Natur, losgelöst von Raum und Zeit erfahrbar wird. Diese objektive Haltung, den Garten als Sinn- und Bedeutungsträger zu gestalten, ändert sich langsam mit einer neuen subjektivistischen Einstellung. Damit einher geht eine Popularisierung des Gartens in der Edo-Zeit (1603-1868), der nun eher nach individuellen Neigungen und Nutzungswünschen zweckorientiert gestaltet wird. Der gesamte Schatz überlieferter Prototypen des japanischen Gartens verflacht nun in einer stereotypen zur Schaustellung.
 
 
Schrittsteine und Steinlaternen
Trotz abnehmender künstlerischer Originalität in den pompösen Gärten der Momoyama-Zeit (1573-1603) unter dem Reichseiniger und Despoten Hideyoshi (1536-1589) war es dem Einfluss der Zen-Schulen zu verdanken, dass die schon weit verbreitete Sitte des Teekonsums allmählich zu einer synkretistischen Gestaltungsweise der Gärten rund um die Teezeremonie führte. Künstler und Mönche wie Sen no Rikyu (1520-91), Furuta Obi (1543-1615) oder Kobori Enshu (1579-1647) schufen jene schöpferischen neuen Impulse, welche die ästhetische Kraft des zenkünstlerischen Handwerks in die Neuzeit herüber gerettet haben. Ausdrücken konnte sich dies in den kleinräumigen Anlagen der Teehausbezirke im roji-Stil des taufeuchten Pfades, von dessen motivlichen Vielfalt der japanische Garten im Westen häufig Anleihen macht. Dem Geist des Zen entsprechend dient der Zugangsbereich bis zum Teehaus, ein einfach ländlich gehaltenes kleines Bauwerk, der atmosphärischen Einstimmung auf den Gedanken der Einheit von Zeit und Raum. Über die Verinnerlichung des Wesens von Natur in ihren Zyklen des Wachsens und Vergehens geht der achtsame Schritt über die rohen, sorgfältig verlegten Steinplatten. Ein Haltepunkt am Schöpfbecken dient der rituellen Reinigung. Die Wahrnehmung einer ästhetisch in Szene gesetzten Steinlaterne oder der plötzlich frei werdenden Blick über einen mit wenig Blättern bedeckten Platz auf eine kleine Wasserfläche mit bemoosten Felsen am Rand ist eine choreografische Steigerung, die alle Sinne anspricht: Man riecht den feuchten, frisch benetzten Boden, Vogelstimmen und das Rascheln von Blättern dringen an das Ohr, das frische Quellwasser im Mund aus der Schöpfkelle erinnert an den klaren Bergbach. Mit sicherndem Schritt über die fliegenden Steinplatten, nähert man sich dem Teehaus mit selbstloser Bescheidenheit. Noch müssen Treppenstufen überwunden werden, bevor man in gebückter Haltung den Teeraum durch eine sehr niedrig gehaltene Öffnung betreten kann. Dort, befreit von allen äusseren Attributen des eigenen Selbstwertes (ohne Schuhe ohne Schwert), wird man sich dem Teemeister anvertrauen.
 
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Jochen Wiede Landschaftsarchitekt
Gartenbau
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